Cesare Maestri (c) Matteo Pavana Cesare Maestri (c) Matteo Pavana
21 Januar 2021

Cesare Maestri - addio dem „Ragno delle Dolomiti“

Die Spinne der Dolomiten starb im Alter von 91 Jahren - ein Nachruf von Lisa-Maria Laserer

Cesare Maestri wird am 2. Oktober 1929 in Trient in eine Familie von Schauspielern geboren. Auch Cesare soll Schauspieler werden und sein Leben auf der Bühne verbringen, wenn es nach den Eltern geht. Doch schon früh entdeckt der junge Cesare eine ganz andere Bühne für sich, nämlich die der Berge. Nach dem 2. Weltkrieg, in dem er sich 1944 gemeinsam mit kommunistischen Partisanen für die Freiheitsbewegung engagiert, geht Maestri zunächst nach Rom, um Kunstgeschichte zu studieren. Lange hält er es dort aber nicht aus und nach nur 2 Jahren zieht er zurück in die Berge. Zuerst lässt er sich in 2 anderen Bergdörfern nieder, bevor er 1963 nach Madonna di Campiglio zieht, welches Zeit seines Lebens sein bergsteigerisches Zentrum bleiben wird.

Il Ragno delle Dolomiti

Die Geschichte des Bergsteigers Maestri beginnt im Jahre 1951 mit dem Solo-Durchstieg der Route Detassis-Giordani am Croz dell’Altissimo, einem Berg in der Brenta. Die Route ist 1000 Meter lang und die Kletterei im V. Schwierigkeitsgrad mit Stellen VI und A1. Maestri wiederholt nicht nur für die damalige Zeit sehr schwierige Routen allein (free solo), sondern klettert diese auch wieder ab. So zum Beispiel ist er der erste, der 1951 die Paganella nach einem Durchstieg wieder abklettert. Zu seinen Solo-Kletterein zählen u.a. der Preuss-Riss an den Zinnen, die Solleder Route an der Civetta und die Soldà Route an der Marmolada, alle im V. und VI. Schwierigkeitsgrad. Marco Stenico, ein Alpinist und Bergkamerad von Maestri berichtet: „Cesare klettert mit völliger Selbstverständlichkeit und wenn man ihn anschaut, sieht alles so einfach aus. Er klettert Passagen und Überhänge mit der gleichen Ungezwungenheit wie eine Spinne, die auf einer Fensterscheibe klettert.“ So entsteht Maestris Spitzname „Ragno delle Dolomiti“ (Spinne der Dolomiten), der ihm Zeit seines Lebens erhalten bleibt.

1952 wird Cesare Maestri staatlich geprüfter Bergführer.

Der Cerro Torre

1957 reist Maestri das erste Mal mit einer Expedition unter der Leitung von Bruno Detassis nach Patagonien. Die Expedition soll den bisher unbestiegenen Cerro Torre bezwingen, bleibt jedoch erfolglos, da Detassis das Vorhaben vor Ort als zu riskant einstuft. In diesem Moment, so heisst es, fängt Maestris Obsession mit dem Cerro Torre an. Er schwört bei sich, wieder an diesen Berg zurückzukehren. Bereits Ende 1958 ist Maestri wieder am Torre. Diesmal gemeinsam mit Cesarino Fava und dem Österreicher Toni Egger. Sie wollen die NO-Kante des Berges erstbesteigen. Fava muss aufgeben und kehrt ins Basislager zurück. Maestri und Egger hingegen wollen zum Gipfel. Als Fava nach 6 Tagen nichts von den beiden hört bzw. sieht, macht er sich auf die Suche. Er findet Maestri halbtot im Schnee und bringt ihn ins Basislager. Nach Maestris Angaben erreichten Egger und Maestri den Gipfel am 31. Januar 1959. Beim Abstieg ereignet sich allerdings eine Tragödie und Toni Egger wird von einer Lawine in den Tod gerissen – mit ihm, die Kamera mit den Gipfelfotos.

Doch schon bald kommen Zweifel an der Wahrheit des Gipfelerfolges auf. Andere Bergsteiger, darunter der bekannte Alpinist Carlo Mauri, welche sich selbst (erfolglos) am Cerro Torre versucht haben und um die Schwierigkeiten besonders der NO-Kante wissen, glauben Maestris Angaben nicht. Hinzu kommt noch, dass Maestri keine genauen Routenangaben über den Punkt hinweg, an dem Fava umgekehrt ist, machen kann. Die Debatte ist eigentlich bis heute nicht wirklich abgeschlossen, doch ist man sich in Bergsteigerkreisen heutzutage einig, dass Maestri und Egger damals nicht den Gipfel erreicht haben können. Zu gross sind die Schwierigkeiten, zu rudimentär die damalige Ausrüstung, zu ungenau die Angaben Maestris. 2015 kommt abermals „Wind“ in die Debatte als der Patagonien-Spezialist Rolando Garibotti einen Fotovergleich publiziert und behauptet Maestri und Egger wären auf der W-Seite und gar nicht auf der NO-Seite des Cerro Torre gewesen.

Wie auch immer die Debatte, Maestri und auch Fava, der 2008 stirbt, halten Zeit ihres Lebens am Gipfelerfolg von 1959 fest.

Die Zweifel und die Kritik am Erfolg hören nicht auf und so reist Maestri 1970 wieder zum Cerro Torre. Diesmal will er alle Zweifler endgültig zum Schweigen bringen. Mit sich bringt er einen Benzin-betriebenen, 135kg schweren Kompressor. Damit, und gesichert mit hunderten Meter Fixseilen, schlägt Maestri rund 400 Haken in die NO-Wand des Cerro Torre und erreicht so das Ende der Felswand unterhalb des Eispilzes, welcher den höchsten Punkt des Torre darstellt. Auf die Besteigung der mit einer meterdicken Eisschicht bedeckten Spitze verzichtet Maestri damals nach eigenen Angaben, „da sie nicht wirklich Teil des Berges sei“. Der Kompressor hängt heute noch ca. 100 Meter unter dem Gipfel. Die Kompressor-Route, wie sie seitdem genannt wird, bleibt trotz der unzähligen Bohrhaken eine extrem schwierige Route. Im Jänner 2012 schlagen die beiden Nordamerikaner Hayden Kennedy und Jason Kruk nach einer Besteigung des Cerro Torre den Grossteil der durch Maestri gesetzten Haken ab. Dies wird in der alpinen Gemeinschaft jedoch mit gemischten Gefühlen aufgenommen, da die Kompressor-Route längst zur Alpingeschichte gehört.

Für Maestri ist mit dieser Begehung der Berg bezwungen. Doch wieder hagelt es herbe Kritik von der Bergsteigerszene. Auf der einen Seite weil Maestri nicht am höchsten Punkt stand, auf der anderen Seite sprechen Alpinisten wie Reinhold Messner vom „Mord am Unmöglichen“, da Maestri sich sprichwörtlich auf den Cerro Torre hinaufgebohrt hat, anstatt ihn zu erklettern. Doch die meisten Bergsteiger, die diese Route trotz ihrer vielen Bohrhaken über die Jahre klettern, sprechen nichtsdestotrotz voller Respekt über Maestris Leistung, denn die Route bleibt trotz der Haken sehr schwer, da diese von Maestri an einigen Stellen konzentriert gebohrt wurden und doch Stellen bis zum VII. Grad frei zu klettern sind.

Späteres Leben

Cesare Maestri bleibt auch nach der Cerro Torre Kontroverse seinen Bergen treu. Maestris Karriere als Bergsteiger umfasst mehr als 3500 Begehungen, davon ein Drittel Solo-Begehungen, die er sogar bis ins Alter von 70 Jahren in seinen Heimatbergen noch weiter betreibt. Im Alter von 74 Jahren versucht er sich sogar an einem 8000er, der Shishapangma, muss aber aufgrund von Höhenkrankheit die Expedition beenden.

Maestri ist Autor unzähliger Bücher und engagiert sich für einen sanften Tourismus in Madonna di Campiglio.

Er war sicher einer der besten Kletterer seiner Zeit, wenn nicht sogar der beste Kletterer der 60er Jahre. Seine Begehungen und auch die Cerro Torre Kontroverse haben die Alpingeschichte sehr geprägt. Als Cesare Maestri 2019 beim Trento Filmfestival einen Ehrenpreis überreicht bekommt, sagt er: „Der beste Alpinist ist derjenige, dem es gelingt alt zu werden“. Somit ist Maestri sein Vorhaben gelungen: Er lebte in und mit den Bergen, ohne dabei sein Leben zu verlieren! Addio Cesare Maestri, Ragno delle Dolomiti!



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