Fontok reloaded (M 11-). Foto: Klaus Kranebitter
23 Januar 2006

Sind Fersensporne für Pferde ?

Are spurs for horses? Albert Leichtfried macht sich Gedanken über die Bewertung von Mixedkletterrouten ....

Are spurs for horses?

Die ursprünglichen Ideen zu diesem Artikel stammen von Will Gadd, der Eiskletterlegende aus Canmore (Kanada), welcher sich als Pionier im Gebiet des Eis/Mixedkletterns schon seit Jahren mit den Weiterentwicklungen dieser Sportart beschäftigt. Da ich seine Ansätze und Überlegungen als äußert durchdacht und wichtig für unseren Sport halte und ich selbst seine Meinung teile, ist es mir ein Anliegen diese Überlegungen an die Öffentlichkeit zu bringen.

Die Schlagzeilen über schwierigste Mixed-Begehungen in extrem kurzer Zeit häuften sich in den letzten Jahren ziemlich oft. Viele Sportkletterer stellten sich die Frage, ob es für solche Begehungen denn vertretbar sei, vom Freiklettern zu sprechen. Ich stellte mir in letzter Zeit ebenso diese Frage und bin nun der Meinung, dass Mixedklettern unter Verwendung eines Fersensporns definitiv keine reine Freikletterei darstellt. Speziell in extrem steilem Gelände ermöglicht der Spur in nahezu jeder Kletterposition zu rasten.

Diese Tatsachen wurden mir richtig bewusst als ich, motiviert durch Will, versuchte einige harte Routen im Dryland ohne Spur zu klettern. Es macht erstens viel mehr Spaß ohne Spur zu klettern (auch wenn der Zeitaufwand für eine Route dementsprechend länger ist), und zweitens stellt diese Art des Kletterns für mich einen Stil dar, der dem Sportklettern recht nahe kommt und somit für mich ohne Bedenken als freie Kletterei bezeichnet werden kann. Ich konnte in diesem Stil im November bzw. Dezember 2005 die Routen „Häppy - reloaded“, „Fontok - reloaded“ und „Tension - reloaded“ klettern. Am 25. Dezember 2005 gelang mir nach hartem Kampf „Game over - reloaded“. Diese Route in diesem Stil geklettert, kann als die schwierigste Mixedroute Europas eingestuft werden und steht den schwierigsten Routen der Welt um nichts nach.

Viele Spitzenkletterer rund um die Welt sind bereits jetzt begeistert vom Mixedklettern im reinen Stil („Bareback“ oder „reloaded“ Stil). Die Schwierigkeiten dieses neuen Stils sind in etwa mit jenen zu vergleichen, wie sie vor Jahren mit dem damaligen Material (schwere Schuhe, Bindungssteigeisen, Eisgeräte mit Handschlaufen – „old school“) waren und nach diesem viele Mixedrouten bewertet wurden. Der neue Stil sollte sich auch zukünftig bei den Wettkämpfen durchzusetzen vermögen. Als Referenz soll die über Jahre im Mittelpunkt stehende Route „Musashi“ dienen. „Musashi“, die erste M12 der Welt, wurde 2002 von Will Gadd im „old school“ Stil erstbegangen und wurde bereits mit allen verschiedenen Techniken und Stilen geklettert (Siehe Beschreibung der Stile, bzw. Tabelle von Will Gadd).

Um für die vielen begeisterten Eiskletterer weltweit nicht einfach nur arrogant zu wirken, möchte ich eines unbedingt betonen: Es ist völlig egal in welchem Stil man in dieser faszinierenden Sportart unterwegs ist, der Spaß sollte immer im Vordergrund stehen! Es liegt mir aber auch sehr viel an der allgemeinen Anerkennung unserer Sportart im gesamten Klettersport. Ich schreibe diese Zeilen, um diese Anerkennung weiterhin aufrecht zu erhalten und sicherlich nicht, um einfach nur beeindrucken zu wollen.

Stildefinitionen: Was bedeutet was?

"Bareback-Stil" – ohne Spur – oder der “reloaded–Stil“:

Eisgeräte werden ausschließlich mit den Händen belastet. Am Steigeisen befindet sich kein Fersensporn. Dieser technisch anspruchsvolle und sehr interessante Stil - einfach und kompromisslos - erfordert viele Klettertechniken aus dem Felsklettern – Fuß verklemmen, Knieklemmer, heel hooks, usw… es können teilweise auch gute Rastpositionen gefunden werden, man hat jedoch keine Möglichkeit nach jedem schweren Zug einer Route sich am Fersensporn auszurasten. Mixedklettern in diesem Stil macht extremen Spaß und nähert sich and das Sportklettern an. Der Stil kommt aus Kanada, genauer gesagt von Will Gadd und seinen Freunden.

“Comp Style” – mit Spur – der Wettkampfstil:

Dieser Stil kommt aus dem Weltcupreglement. Fersensporne sind erlaubt. Es ist allerdings nicht erlaubt, die Fersensporne an den Eisgeräten zu verwenden. Eisgeräte werden ausschließlich mit den Händen belastet. Generell schwieriger als der „Full Trickery“-Stil. Viele Routen der vergangenen 2 Jahre wurden in diesem Stil geklettert. Dieser Stil ermöglicht es, bei Begehungen von Mixedrouten viele Rastpositionen zu finden. Die Begehungszeit kann bis zu einer Stunde betragen – flüssiges Klettern ist nicht mehr notwendig. Um vordere Plätze bei den zeitreglementierten Weltcups (8-14min) erreichen zu können, muss aufs Rasten verzichtet werden. Dieser Stil stellt eine Mischung aus freier und technischer Kletterei dar.

“Full Trickery” – alle Tricks erlaubt:

Die volle Palette aus der Trickkiste ist erlaubt. Felsensporn an den Geräten. Sitzen auf den Geräten usw... dieser Stil ähnelt dem technischen Klettern aus den 60iger Jahren und Begehungen in diesem Stil können nicht als Freikletterei gewertet werden

“Old school” – Kletterstil bis vor etwa 5 Jahren:

An den Eisgeräten befinden sich Handschlaufen. Die Kletterschuhe sind steigeisenfeste Bergschuhe. Die Steigeisen werden mit Hilfe eines Bindungssystems am Schuh befestigt. Fersensporne sind nur bedingt einsetzbar. Dieser Stil ist im Bezug auf den klettertechnischen Anspruch ähnlich dem „reloaded-Stil“ ohne Fersensporn.

Vergleichsbeispiele der verschiedenen Kletterstile

Albert Leichtfrieds Liste über die Bewertungen im Dryland bei Innsbruck - für verschiedene Kletterstile: PDF-Liste

Will Gadds Liste über die Bewertungen der aktuellen Mixedrouten, weltweit - für verschieden Kletterstile: PDF-Liste

Berichte von Albert Leichtfried:

Albert und Harry klettern Crack Baby

Canmore Eistrip 2005 von Hari Berger und Albert Leichtfried

GAME OVER – die erste M13 Europas

Projekt Underground - Mixedklettern an der Autobrücke

Tension (M12-) - Dryland bei Innsbruck

Text und Infos von Albert Leichtfried (Black Diamond / Salomon / Tendon / Adidas -Team); Fotos: Klaus Kranebitter

Fontok reloaded (M 11-). Foto: Klaus Kranebitter
Albert Leichtfried in "Game Over" - reloaded Stil, M 13; Foto: Klaus Kranebitter
Game Over, reloaded Stil, Foto: Klaus Kranebitter
Game Over, reloaded Stil, Foto: Klaus Kranebitter
Game Over, reloaded Stil, Foto: Klaus Kranebitter
Game Over, reloaded Stil, Foto: Klaus Kranebitter
Reloaded - Eisgeräte werden ausschließlich mit den Händen belastet und auf den Steigeisen befindet sich kein Fersensporn. Foto: Klaus Kranebitter


Kommentare

Neuer Kommentar
Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren.